Ein Baum im Hirschpark. Hoffentlich bleibt er uns noch lange erhalten.
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Links Hamburg, rechts die Nordsee, vorn Finkenwerder und hinten bald Dänemark. Um uns Blankenese. Über uns der Himmel. Unter uns die Elbe. Und wir: Mitten drin! Wolfgang Borchert

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Gottes Segen wirk`im Teig

Bäcker Körner in Blankenese
„Wer nicht tüchtig kneten kann, ist kein rechter Bäckersmann.
Packe zu, spar' keine Kraft, durch und durch den Teig geschafft!
Hand und Arm und Finger drückt, jeder Klumpen wird zerstückt.
Jedes Teil das andre fand, mächtig fühlt das Mehl die Hand.
Greife fest und schaff' und schweig': Gottes Segen wirk' im Teig!“

Um 23 Uhr, wenn Freitagabends Hamburgs flippige Jugend in die Disco strömt, wird in der Bäckerei Körner in der Blankeneser Landstraße mit dem Backen von Broten, Brötchen, Gebäck und Torten für das Wochenende begonnen.
Sabine Möller, Bäckermeisterin und Konditorin und Mutter zweier Söhne noch dazu, ist stolz darauf, dass man beim „ BBBB-Bäcker“ Körner keine aufgebackenen Produkte bekommt. Denn dies garantiert das Siegel „Bäcker Backen Beste Brötchen.“ Sie führt nun schon in der vierten Generation seit Anfang 2002 mit Erfolg die handwerklich ausgerichtete Bäckerei Körner. Ihr Vater Hartmut Körner, hat ihr wohl die Liebe zum Backen in die Wiege gelegt.
Wer will fleißige Hände sehen, der muß Freitagmorgens mal zu Körner in die Backstube gehen. Seit zwei Uhr arbeiten hier acht flinke Gesellen und Lehrlinge. Geduldig und kompetent erklärt Sabine Möller, die auch schon frühmorgens im Laden steht, was ein Teigkessel ist und wie die Knetmaschine funktioniert. 20 verschiedene Brötchen und 20 Brotsorten und in der engen Konditorei, die früher die Küche der Familie Körner war, werden außerdem 30 verschiedene Kuchen und Torten hergestellt. Ich darf mal an der Hefe riechen und dort in die großen Töpfe mit dem Sauerteig gucken. Mit der Teigteil-Wirkmaschine werden Brötchen in Form gebracht. In der Sauerteiganlage liegt schon altes Brot bereit. Ich stolpere fast über einen Sack Roggenschrot und Weizenmehl wird in so großen Mengen verarbeitet, dass das Mehl aus dem Keller hochgepumpt werden muß. Überall Bleche mit Teige für die Franzbrote, die nach dem Kneten noch ruhen müssen. Jetzt zum Ende der Arbeit in der Backstube werden Schwarzbrote von den Teigmachern geknetet. Die Brötchen und Semmeln sind schon im Laden oder auf den Weg in die Geschäfte. Am Daub Backofen steht souverän Ofengeselle Fürstenberg und setzt „Der kleine Max“ Bauernbrote auf dem Ofenrollwagen. Dampf zischt auf, das gibt eine herzhafte Kruste. Die Mitarbeiter scheinen sich sehr wohl zu fühlen, denn viele sind seit Jahrzehnten hier tätig. Drei Gesellen arbeiten Hand in Hand, um die Franzbrote fertig zustellen. Da wird gerollt, verschiedene Teigplatten aufeinandergelegt, mit Schokoladenmasse bestrichen, geschnitten, gedrückt, gefaltet und zu 15 Stück auf Bleche gesetzt. Ein Euro kosten die Franzbote später im Laden. „Wann denn nun die Arbeitszeit beendet sein wird“, frage ich. „Wenn die Arbeit getan ist“ und heute um 23 Uhr beginnt die nächste Arbeitsnacht der tüchtigen Körner-Mannschaft.

700 Jahre Blankenese wurde 2001 in ganz Blankenese gefeiert und da passte es gut, dass Bäcker Körner just 100 Jahre bestand. 1901 fing Hinrich Martin Körner im Keller des Hauses Blankeneser Landstraße 13 mit dem Brotbacken an. Eine denkbar schlechte Lage, direkt an der damals recht ländlichen Chaussee nach Wedel, weit ab vom dicht besiedelten Blankeneser Treppenviertel, wo schon in der Blankeneser Hauptstraße, damals Elbstraße, vier Bäckereien existierten. Max Körner, der auf seinen Lehr- und Wanderjahren auch in Wien gearbeitet hatte, übernahm 1932 die Bäckerei Körner. „Wiener Bäckerei“ stand seitdem auf dem schmiedeeisernen Firmenschild mit der goldenen Brezel. Als 1939 der zweite Weltkrieg begann, wurden immer mehr Männer zum Wehrdienst eingezogen. Auch bei Bäcker Körner fehlten viele Männer. Brot, Fette, Zucker Kohlen, alles wurde jetzt vom Amt zugeteilt. Zeitaufwändig mussten die Lebensmittelmarken von den Bögen abgeschnippelt, aufgeklebt und im Katharinenhof abgeliefert, um dann gegen Bezugsscheine für Mehl, Kohle, Fette, umgetauscht zuwerden. Auch die Frauen standen jetzt in der Backstube. Der 1940 geborene Hartmut Körner, wurde im Brotkorb abgelegt, während die Mutter von fünf Körner - Sprößlingen Teig knetete. Das Backsortiment mußte radikal verkleinert werden. Was hatte man nicht alles vor dem Krieg in der Bäckerei Körner hergestellt. Nicht nur das Hamburger Schwarzbrot, Angeschobene und Feinbrot. Weißbrot, rund oder im Kasten, Meterbrot, Pröben, Berches, Rosenbrot, Zöpfe, Klöben, Pudelmütze und „Schweinebraten“. Und die vielen Brötchen: Hamburger Rundstücke, Wiener Semmel, Berliner Knüppel, Hörnchen, Salzstangen, Milchbrötchen, Heißwecken, Kieler, Flensburger, Franzbrötchen. Partybrötchen, Schwäne, Pilze aus Weizenhefeteig. Mit einem roten Tempo-Dreirad-Lieferwagen belieferte Bäcker Körner ab 1938 Geschäfte in Blankenese, Iserbrook und Sülldorf. Der 2001verstorbene Dittmer Körner konnte sich erinnern, dass er mit dem Blockwagen ,beladen mit 80 Schwarzbroten, mit seinem Bruder die Blankeneser Hauptstraße runter fuhr. Einer lenkte mit den Füßen die Deichsel, während sein Bruder hinten mit den Füßen bremste. Dass im harten Winter 1946/47, mit der großen Kreek, beladen mit Brotkörben, bei Eisglätte und Schneeverwehungen, die Ware bis nach Iserbrook geschleppt werden musste, ist bei Körner unvergessen. Über altes Brot und Kuchenabfälle freuten sich die Schweine, die hinter der Bäckerei großgezogen und dann im Winter geschlachtet wurden. Gehungert wurde auch in größter Not in der Bäckerei Körner nicht. Die damaligen Brotpreise: Rundstück 4 Pfennig. Weißbrot 500 g 27 Pfennig. 1500 g Feinbrot 51 Pfennig. 1500 g Schwarzbrot 42 Pfennig. Auf dem Schwarzmarkt bekam man für ein 3 Pfund Brot 80 Reichsmark. Die englische Besatzungsmacht mochte auf feinen Kuchen und Gebäck auch im Hungerwinter 1946/47 nicht verzichten und beauftragte die Bäckerei Körner mit der Herstellung dieser Backwaren. Ein großer Militärlastwagen brachte die benötigten Zutaten. Die ganze Familie und die Belegschaft bestaunte die so lange entbehrten Zutaten, die die junge Generation der Körner Familie noch nie gesehen hatten. Um den Kuchen unauffällig in die Kaserne nach Osdorf zu schaffen, wurde der knallrote Lieferwagen von den Engländern olivgrün lackiert. Eine Partie amerikanisches Weizenmehl wurde vorzeitig zum Osterfest verbacken. Ostern gab es weißes Brot. Zur Strafe wurde die Bäckerei von der Besatzungsmacht 14 Tage geschlossen. Alle Gesellen bekamen auf einmal Urlaub. Die Kunden reihten sich in langen Schlangen vor den anderen Bäckereien in Blankenese ein. Bei Körners standen die Kunden oft in Viererreihen in 30 m langen Schlangen nach Brot an. Dass sich Polizeibeamte von der Polizeiwache in der Sibbertstraße gerne in der Backstube aufwärmten, ging ja noch an. Dass aber unter den weiten Mänteln der Polizisten Brote versteckt und herausgeschmuggelt wurden, ging zu weit. Auf der Revierwache und in Körners Backstube mussten umfangreiche personelle Umbesetzungen vorgenommen werden.
Nach der Währungsreform 1948 ging es wieder aufwärts. Die Blankeneser wollten ihre Brötchen wieder ins Haus geliefert haben. Bis zu 20 Helfer trugen in Blankenese, vom Hirschpark bis zum Falkenstein, für die Bäckerei Körner morgens in aller Herrgottsfrühe die Brötchen aus. Im warmen Backofen wurde auch für gute Kunden schon mal eine Gans gebraten oder die Hausfrauen kamen mit ihren selbstgemachten Kuchen an, die dann nebenbei mitgebacken wurden.
Umfangreiche Umbauten und Anbauten, die Backstube wurde aus dem Keller ins Erdgeschoß verlegt, rationellere Backöfen, Teigknetmaschinen hielten Einzug. Der Laden in der Blankeneser Landstraße wurde modernisiert. Filialen, allein drei Verkaufsstellen in Wedel, wurden eröffnet. Hartmut Körner, der 1969 die Leitung des Betriebes übernahm, nannte nun das Geschäft „Körners Brotparadies“. Er führte die Bäckerei bis 2001. Wenn im Gemeindehaus bei „Kirchens“ belegte Brötchen gereicht werden, kann man sicher sein, dass Bäcker Körner sie gespendet hat. Er führte die Bäckerei zu ihrer heutigen Bedeutung. Ein Mann, der auch viele Ehrenämter übernahm. Erinnert werden soll an die Altenhilfe in Blankenese, die Hartmut Körner aktiv unterstützt. Bäcker Körner ist nun der letzte brotbackende Bäcker in Blankenese. Nach dem Krieg gab es vier brotbackende Bäcker allein in der Blankeneser Hauptstraße. Bäcker Lindemann an der Hans-Lange-Straße, Bäcker Schneider an der Ecke Eiland, Bäcker Hansen an der Schlagemihlstreppe und Bäcker Timm war dort, wo später Raumausstatter Matschke seinen Betrieb hatte. Auch die Elbfähre aus Cranz brachte immer eine Kiste mit sehr gehaltvollem Altländer Brot von Bäcker Albers mit, das dann von einem Krämer an der Grube verkauft wurde. Sabine Körner, die seit 6 Jahren den Betrieb leitet, hofft, dass eines Tages in dann fünfter Generation einer ihrer Söhne die Bäckerei Körner übernimmt und weiterführt.
Heiner Fosseck

Dieser Artikel ist vor 10 Jahren geschrieben worden. Noch immer ist die tüchtige Bäckermeisterin Sabine Möller,geb. Körner die leitende Kraft in ihren Betrieb. Sie engagiert sich für die Blankeneser Kirche und hilft tatkräftig in der Flüchtlingshilfe mit Tat und Brot. Das ist gut so.
30.1.17 17:15
 



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